An der Bushaltestelle, die nahe meiner Wohnung
gelegen ist, schmorten die wartenden Fahrgäste
bis vor kurzem noch ganz ungehindert in der
Sonne. Dank der Aufmerksamkeit der öffentlichen
Verkehrsbetriebe der Stadt Hiroshima wurde
nun jedoch ein schützendes Dach aufgebaut,
das dem überhitzten Passagier wohltuenden
Schatten spendet. Das Dach ist etwa zwei Meter
fünfzig hoch und ruht auf drei schlanken
Säulen.
So weit, so gut. Doch was erblickten meine
gelangweilten Augen, als ich neulich ganz
frisch dem Eintreffen des Omnibusses entgegenfieberte?
An jeder der drei Säulen heftete fein
säuberlich ein Zettel im Postkartenformat,
aus wasserfestem Hochglanzpapier. Neugierig
geworden, studierte ich die Verlautbarungen,
die offenkundig für Passagiere wie mich
bestimmt waren. Es handelte sich um Richtlinien
und Gebrauchshinweise für die neue Errungenschaft.
Anscheinend ist es nicht vorgesehen, dass
ein Busreisender sich einfach so unter das
Dach stellt. Weiß der Himmel, was ob
meiner Naivität alles hätte passieren
können! Beflissen holte ich nach, was
ich als korrekter Japan-Resident längst
hätte tun sollen. Die Gebrauchsanleitung
gliederte sich in fünf Punkte:
1. Bitte nehmen Sie davon Abstand, auf das
Dach zu steigen
2. Bitte legen Sie keine schweren Gegenstände
auf das Dach
3. Bitte rütteln Sie nicht mutwillig
an den Stützen
4. Sollte sich eine Schneeschicht von mehr
als 20 Zentimetern auf dem Dach ansammeln,
ist diese bitte unverzüglich zu entfernen
5. Das Spielen in der Nähe des Daches
ist nicht erlaubt - Eltern haften für
ihre Kinder
Kritisch maß ich die Höhe des
Unterstandes. Jetzt, wo ich es offiziell verboten
wusste, hätte ich doch zu gerne einmal
das Dach erklettert. Es schien kein einfaches
Unterfangen; die glatten Stützen boten
keinen nennenswerten Halt. Auch überlegte
ich, wie jemand es wohl fertig bringen sollte,
überdurchschnittlich schwere Gegenstände
nach oben zu befördern - das Dach ist
einem Baldachin gleich abgerundet, so dass
auch der schönste Amboss herunterrutschen
muss. Probehalber rüttelte ich ein wenig
an den Metallpfosten (nicht zu stark; derartige
Gebote sind schließlich nicht zum Spaß
da, außerdem wollte ich mich nicht strafbar
machen). Schnee hatte sich keiner angesammelt
(es war sonnige zwanzig Grad warm), und Kinder
waren auch keine in der Nähe. Sogar wenn
sie es gewollt hätten: selbst für
die frechsten Gören wäre beim besten
Willen kein Platz zum Herumtoben gewesen.
Kinder spielen in Japan nur auf gesonderten
Spielplätzen, welche von offizieller
Seite großspurig als Park deklariert
werden. Bevor wir nun auf Regeln und Gebote
zu sprechen kommen, welche die Nutzung solcher
Grünzellen definieren, lassen Sie uns
ein wenig ausholen.
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